Babatunde HipHopera wuchs mit Dr. Dre auf und wurde Opernbariton. Heute weigert er sich zwischen diesen beiden Welten zu wählen. Beim HipHop Ball Berlin übernimmt er mit der Mitternachtseinlage einen der bedeutendsten Momente des Abends. Mit einer Kunstform, die wie geschaffen scheint für eine Nacht, die kulturelle Grenzen nicht nur hinterfragt, sondern auflöst.
Manche KünstlerInnen überschreiten Genres. Babatunde HipHopera scheint von ihnen geformt worden zu sein. Seine Geschichte beginnt in Nigeria. Lange bevor die Oper Teil seines Lebens wurde, war HipHop. Sein Onkel schenkte ihm Dr. Dre’s The Chronic und öffnete damit die Tür zu einer musikalischen Welt, die ihn nie wieder loslassen sollte.
Babatunde entwickelte eine tiefe Faszination für West Coast HipHop. Auf Dr. Dre folgten Snoop Dogg. Warren G und Tupac kamen mit der Zeit dazu. Ihn begeisterten das Storytelling und das Selbstbewusstsein der Kultur. Die Produktionen und das Spiel mit eigenem Ausdruck. HipHop wurde für ihn mehr als Musik. Es wurde seine erste musikalische Sprache. Dann führte ihn sein Leben in eine völlig andere Richtung.
Als Teenager zog Babatunde in die USA. Dort begegnete er erstmals klassischer Musik. Ein Schulchor eröffnete ihm die Welt der Klassik. Später erkannte ein Gesangslehrer sein Potenzial und ermutigte ihn, Operngesang zu studieren. Was zunächst vollkommen fremd war, entwickelte sich schnell zu einer zweiten Leidenschaft. Babatunde ließ sich zum klassischen Bariton ausbilden. Er studierte Operngesang an der Universität und begann schließlich professionell aufzutreten. Doch HipHop verschwand nie.
Zwei Welten. Eine Stimme.
Jahrelang bewegte sich Babatunde zwischen zwei musikalischen Identitäten. Auf der einen Seite stand die disziplinierte Welt des klassischen Gesangs und der Oper. Auf der anderen, jene Kultur, die sein Verständnis von Musik geprägt hatte, lange bevor er seine erste Arie sang.
Immer wieder suchte er nach Künstlern, die diese beiden Welten miteinander verbanden. Er fand Experimente und Crossovers. Doch nur selten fand er etwas, das wirklich dem entsprach, was er selbst in seinem Kopf hörte. Also begann er es selbst zu kreieren.
Zunächst blieben diese musikalischen Experimente weitgehend privat. Die klassische Musikwelt wacht mitunter sehr genau über ihre Traditionen und Babatunde wusste, dass nicht jeder Kollege oder Mentor verstehen würde, was er versuchte. Dann kam Dezember 2018.
In seinem Auto nahm er ein Video auf, in dem er Rossinis berühmtes Largo al factotum mit Kendrick Lamars HUMBLE. verband. Das Video verbreitete sich im Internet und ging international viral. Plötzlich hatte jene musikalische Identität, die er lange beinahe im Verborgenen erforscht hatte, ein Publikum.
Noch wichtiger war jedoch etwas anderes: Sie hatte einen Namen und eine Bestimmung bekommen. Die Resonanz bestätigte etwas, das Babatunde schon lange gespürt hatte. Er musste sich nicht entscheiden. Oper und HipHop konnten im selben Menschen existieren. Und beide konnten dabei authentisch bleiben.
Authentizität statt Crossover
Genau diese Unterscheidung ist für ihn entscheidend. Babatunde geht es nicht darum, einfach eine klassische Stimme über einen HipHop-Track zu legen, um einen überraschenden Effekt zu erzeugen. Ebenso wenig versteht er HipHop als dekoratives Element einer Opernperformance. Seine Kunst entsteht aus echter Vertrautheit mit beiden musikalischen Sprachen. Dieser Weg war nicht immer einfach.
Es gab keinen bestehenden Karriereplan, an dem er sich orientieren konnte. Keinen offensichtlichen Mentor, der beide Kulturen aus eigener Erfahrung verstand. Es wäre leicht gewesen, sich irgendwann vollständig für eine der beiden Welten zu entscheiden und die andere zurückzulassen. Stattdessen lernte Babatunde seinen eigenen Instinkten zu vertrauen.
„Meine Kunst ist sehr persönlich, weil ich sie vollständig verkörpere.“
Diese Haltung wurde zu seinem inneren Kompass. Sein Ziel ist es nicht, sich möglichst bequem in eine bereits existierende Kategorie einzuordnen. Er möchte aus der gesamten Bandbreite seiner eigenen Identität heraus erschaffen. Genau das ist auch einer der Gründe warum er HipHop liebt. Für Babatunde war die Kultur schon immer größer als Rapmusik. Sie schafft Raum für TänzerInnen und DJs. Für Graffiti Artists und Fashion. Für Denker und Storyteller. Für Menschen und Communities deren Stimmen an anderer Stelle lange kaum Sichtbarkeit oder Macht erhielten.
Eine Kultur, die in benachteiligten Communities New Yorks entstand, wurde zu einer der einflussreichsten kulturellen Kräfte der Welt. Dass HipHop bis heute Raum für individuelle Identität schafft, fasziniert ihn besonders.


Ein natürlicher Space beim HipHop Ball
Es ist schwer sich einen Künstler vorzustellen, der stärker mit der Idee des HipHop Balls verbunden sein könnte. Auch der Ball existiert zwischen Welten, die lange als Gegensätze betrachtet wurden.
Balltradition trifft auf die Musik der Straße. Klassische Zeremonie begegnet zeitgenössischer Kultur. Abendrobe trifft auf Sneaker. Tradition begegnet einer Generation, die entschlossen ist, ihre eigenen Traditionen zu erschaffen. Für Babatunde fühlt sich dieser Raum vertraut an.
„Am meisten freue ich mich auf die Atmosphäre und darauf, von Menschen umgeben zu sein, die sowohl die Welt des Balls als auch die Musik der Straße schätzen.“
Er fühlt sich besonders von Orten angezogen, an denen Menschen sich nicht auf einen einzigen Teil ihrer Identität reduzieren müssen. „Es gibt etwas Besonderes an Räumen, in denen Eleganz und Kreativität und Kultur und Freiheit gleichzeitig existieren können.“ Dieser Gedanke zieht sich durch seine gesamte Geschichte. Ein Junge, der in Nigeria Dr. Dre entdeckt. Ein Teenager, der in USA die Klassik kennenlernt. Ein Opernsänger der heimlich mit HipHop experimentiert. Und schließlich ein Künstler, der erkennt, dass genau jene Dinge, die zunächst unvereinbar erschienen, seine Stimme einzigartig machen.
Mitternacht gehört Babatunde
Beim HipHop Ball Berlin wird diese Stimme einen der symbolträchtigsten Momente des Abends übernehmen. Die Mitternachtseinlage. Die Gäste sollten keine Oper erwarten, unter die lediglich ein Beat gelegt wurde. Ebenso wenig geht es um einen Crossover als bloßen Überraschungseffekt. Was sie erwartet, ist HipHop, getragen von der körperlichen Kraft einer professionell ausgebildeten Opernstimme. „Die Gäste können eine HipHop-Show mit echtem Operngesang erwarten. Sie können Energie und Emotion erwarten und eine Performance, die kraftvoll und gleichzeitig unerwartet ist.“ Babatunde möchte, dass das Publikum zwei Impulse gleichzeitig erlebt. Den Drang, sich zu bewegen. Und den Impuls stehen zu bleiben und zuzuhören. „Ich möchte, dass die Menschen tanzen wollen, während sie gleichzeitig diese gewaltige klassische Stimme hören.“ Vielleicht ist aber gerade das besonders spannend, was danach passieren soll. Babatunde möchte nicht unbedingt, dass sein Publikum den Raum verlässt und genau weiß wie er das Erlebte kategorisieren soll. Im Gegenteil. Zuerst sollen die Menschen es fühlen. Denn einige der spannendsten kulturellen Ideen entstehen genau dort, wo vertraute Kategorien nicht mehr ausreichen.
“Entscheide dich nie nur für eine Seite” – sein Leitsatz
Auf die Frage, was er seinem zehnjährigen „Ich“ heute sagen würde, kehrt Babatunde zu jener Idee zurück, die ihn beinahe sein ganzes Leben begleitet hat. Entscheide dich nicht nur deshalb, weil die Welt es von dir erwartet. „Ich würde meinem zehnjährigen Ich sagen, dass er weiterhin Musik genießen soll und sich von niemandem einreden lassen darf, dass er sich zwischen den Dingen entscheiden muss, die er liebt.“ Es ist ein Rat, der weit über Musik hinausgeht. „Folge dem Weg, auf den dich die Musik führt. Bleib dir selbst treu und vertraue deinen Instinkten. Genau die Dinge, die dich anders machen, werden irgendwann deine Bestimmung definieren.“ Beim HipHop Ball Berlin müssen diese Unterschiede nicht erklärt werden. Sie werden gefeiert. Und um Mitternacht gehört ihnen die Bühne.
Sei dabei wenn Welten aufeinandertreffen
Am 14. November wird das Rote Rathaus in Berlin zum Schauplatz einer Nacht, in der Tradition auf Transformation trifft und HipHop eines der ikonischen Gebäude der Hauptstadt zu seinen eigenen Bedingungen betritt. Die Mitternachtseinlage von Babatunde HipHopera wird einer jener Momente sein, die sich kaum über einen Bildschirm reproduzieren lassen. Man muss sie live hören. Man muss sie im Raum spüren. Man muss Teil einer Nacht sein, in der Oper und HipHop nicht um Platz konkurrieren, sondern gemeinsam etwas vollkommen Neues erschaffen.
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Komm gekleidet für den Ball. Komm bereit für das Unerwartete. Und vor allem: Sei da, wenn es Mitternacht schlägt.


